Penthesilea: Ein Trauerspiel (Suhrkamp BasisBibliothek)
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Küsst ` ich ihn tot?
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" - So war es ein Versehen. Küsse, Bisse,/ Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt,/ Kann schon das eine für das andre greifen!/

Wer ist diese Frau, die solche Sätze spricht?

Es ist Penthesilea, die Protagonistin in Heinrich von Kleists gleichnamigem Trauerspiel.

Laut antiker Sage wurde vor Troja die Amazonenkönigin Penthesilea von Archill, nach anderer Version Archill von Penthesilea erschlagen.
Bei Kleist fordert das Gesetz des Amazonenstaates , dass sich die Kriegerinnen den Gatten mittels Schwert erkämpfen. Allerdings wird er nach dem Ehevollzug wieder beseitigt.
Penthesilea liebt Archill und demütigt ihren Kriegerinnenstolz in der Folge so vehement , dass sie sich wünscht die Ihrigen möchten geschlagen werden. Auch Archill ist vom Wunsche nach Unterwerfung beseelt , möchte sich im Scheinkampf Penthesilea gefangen geben und sendet ihr eine Herausforderung.
Jetzt glaubt sie sich verhöhnt und im Heiligsten verletzt und tötet den Wehrlosen im Zweikampf. Anschließend tötet auch die Amazonenkönigin sich aufgrund ihres Willens diese Tat zu sühnen.

In diesem Trauerspiel geht es in erster Linie um das geheimnisvolle Rätsel der Liebe.
Was Kleist unter Liebe versteht, ist weit mehr als grenzenlose Leidenschaft oder pathologische Vertauschung von Liebe und Hass.
" Penthesilea" ist keine banale Tragödie der beiden Geschlechter.
So einfach ist es nicht!
Die Liebe der Penthesilea zu Archill ist eine ihr im Irdischen auferlegte, ganz persönliche Bestimmung.
Diese Liebe ist ihr Schicksal.
Das geheimnisvoll Unberührte, aber auch die rasende Wildheit, die ins Bewusstlose reichende Besessenheit, auch die Anmut und Sprödigkeit dieser Gestalt, nicht zuletzt auch ihre merkwürdige Entrücktheit zeichnen die Eigenschaften einer Seele aus, die einer " Marionette" gleicht.
In ihrer unmotivierten Geistesabwesenheit wirkt sie fast aus ihrer Umwelt herausgelöst. Sie ist nur noch ein beinahe somnabules Wesen, das seiner Bestimmung folgt.
Die Amazonenkönigin ist jedoch nicht nur eine Marionette, sondern auch eine tragische Existenz, weil sie zwischen die Willenlosigkeit des Unbewussten und die Ursünde des Bewussten gestellt ist.
Ihre Seele zerbricht schließlich zwischen diesen beiden entgegengesetzen Polen. Von daher lebt sie weder als Marionette in unmittelbarer Übereinstimmung mit sich selbst, noch kann sie wahrhaftig den Gesetzen der sie von außen bedrängenden Welt gehorchen. Diese Gesetze begreift sie unbewusst mehr und mehr als Gesetzlosigkeit.
Wieso lässt sich Penthesileas Liebe zu Archill nur in grauenhafter Destruktion realisieren?
Das Tragische entspringt daraus , dass die einsame , sich selbst überlassene Seele und die menschlichen Ordnungen, Maßstäbe und Lebensformen sich in diesem Fall hoffnunglos widersprechen. Inmitten einer verwirrten Welt erscheint die Amazonenkönigin , die sich ja nicht nur selbst gehört, von schuldhafter Hybris, die der Zerstörung nicht entgehen kann.
Je reiner die blühende Seele ihre Bestimmung lebt, desto schlimmer wird der tragische Sturm sie erfassen und bis an die Wurzel zu vernichten suchen. Kleist lässt seine Leser wissen: " Gerade die blühende Seele fordert die Dämonen dieser Welt heraus".
D.h. demnach, dass der stolze und kräftig blühende Mensch, nach Kleist, stärker als jeder andere vom Untergang bedroht ist, doch je mehr ihn Götter und Dämonen vernichten wollen, um so unzerstörbarer wird auch seine eigene , unverwechselbare Bestimmung ans Licht treten.

So sehr auch Penthesilea und Archill füreinander bestimmt sein mögen, so bleibt letztlich die Amazonenkönigin in ihrer Liebe allein und die Unbegreiflichkeit ihres Wesens muss Archill dann schließlich zum Verhängnis werden.
Erst als er im Sterben liegt geht ihm die Unberechenbarkeit ihrer Seele auf.

Das Staatsgesetz der Tanais verlangt Liebe durch Kampf, verlangt von den Amzonen sich den Mann in der Schlacht zu suchen, jedoch nicht zu wählen!
Liebe ist demnach kein persönlicher Vorgang zwischen einem einmaligen Ich und einem einmaligen Du. Stattdessen ist die Liebe im Amazonenstaat einzig Mittel zur Fortpflanzung. Auch die Amazonenkönigin muss sich diesem Gesetz unterwerfen.

Der Konflikt in den Penthesilea gestellt ist, bedeutet für sie keineswegs , dass sie zwischen Pflicht und Neigung frei entscheiden kann. Ihr ist keine Wahl gegeben. Sie muss Königin und sie muss Liebende sein. Das sind ihre sich widersprechenden Bestimmungen.

Indem sie zwei extreme , sich widersprechende Grenzlagen durchleidet, ist sie der wirkliche, tragische Mensch.

Für Penthesilea ist der Krieg nur Archills wegen da. Für das Frauengesetz der Amazonen Archill nur wegen des Krieges. Sie nimmt Liebe noch in den Hass des Kampfes hinein, möchte sich auf diese Weise dem Geliebten schenken. Dadurch erleidet sie den Verlust ihrer Liebe und gleichzeitig die Untreue gegen ihr Volk.

Penthesilea gehört dem Volk, aber sie möchte auch Archill gehören.

Beiden möchte sie die Treue halten. Das fordert die Wahrheit ihres Wesens.
Diese Gegebenheit ist es die sie in die Vereinsamung treibt, die sie bis zum Tode nicht mehr verlässt.
Ihrem Volk gilt sie als abtrünnig , weil sie das Gefühl höher stellt als das Gesetz. Archill hat sie verloren , weil sie die Treue zu ihrem Volk und seiner Tradion nicht brechen wollte.
Archill, so glaubt sie, hat ihre Liebe veraten. Treulos steht sie nun vor dem Gesetz ihres Volkes da.
Der Vorgang zwischen den Liebenden wird in der Folge zu einem tragischen Mißverstehen.
Nochmals: hier gehen keineswegs zwei Menschen am Geschlechterkampf zugrunde, sondern hier vernichten sich zwei Menschen, die von Natur aus füreinander bestimmt sind.
Das tragische Missverstehen ist die Konsequenz der furchtbaren Macht, die die gebrechliche Welt und ihre allzu künstlichen und fragwürdigen Ordnungen noch über die wehrlose Seele besitzen.
Auch wenn Archill Penthisilea wirklich liebt, so ist es seine Tragik , dass ihm die Liebe ihr widerspruchvolles Wesen nur scheinbar öffnet.
Penthesilea bleibt unberechenbar. Ihr Handeln basiert nicht auf rationalen Erwägungen. Der Schwerpunkt ihrer Handlungsmotivation ist stets ihre Seele. Alle von außen herangetragenen Maßstäbe müssen scheitern.

Erst nach der Ermordung Archills gewinnt Penthesilea ihren inneren Schwerpunkt wieder . Jetzt kann sie die Dissonanz, die die Einheit ihres Wesens zerrissen hat, Königin und Liebende zugleich zu sein, auflösen. Sich durch die Selbsttötung opfernd, hinterlässt sie ihr Vermächtnis: Das Gesetz der Tanais wird entkräftet und ihre Asche in der Luft verstreut.


Empfehlenswert!
Eine Rezension von Helga König "top-rezensionen.blogspot" >
vom 29. Juli 2008
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